Tarifrebellion 2021

Offener Brief an die Arbeitgeber

Offener Brief an die Arbeitgeber

Unterbrechung der Tarifverhandlungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wenden uns mit diesem offenen Brief in Verantwortung für unsere Mitglieder und die Unternehmer der Branche an Sie. Mit diesem Brief zeigen wir Ihnen unsere Sicht auf die Ereignisse von Freitagabend.

Wie Sie wissen wurden am Freitag, den 12.11.2021 die unterbrochenen Tarifverhandlungen fortgesetzt. Dabei kam es in schwierigen Verhandlungen zu einer deutlichen Annäherung. Beide Seiten hatten sich aufeinander zu bewegt. Es war gelungen, die beiden Forderungskomponenten Entgeltsteigerungen und Einführung Stufen für gewerbliche Mitarbeiter zu verbinden (siehe die Eckpunkte unten). Wir befanden uns nach unserer festen Überzeugung auf der Zielgeraden. Der Beginn und die Dauer der Laufzeit waren noch strittig. Wir wären zu diesem Zeitpunkt bereit gewesen, einem Laufzeitbeginn ab 01.12.2021 zuzustimmen und auch einer Gesamtlaufzeit von 36 Monate, wenn dafür in diesem dritten Schritt eine weitere Entgelterhöhung von 45 € für die Kaufleute und gewerblichen Mitarbeiter gezahlt würde.

Daraufhin erklärten die Arbeitgeberverbände überraschend, dass sie dann die Verhandlungen ohne neuen Termin unterbrechen würden. Der Beginn der Laufzeit müsse der 01.01.2022 sein und eine dritte Entgeltsteigerung solle es nicht geben. Wir haben dann in der ver.di–Verhandlungskommission einem Laufzeitbeginn ab 01.01.2022 zugestimmt, sind aber bei den 45 € für die Laufzeitverlängerung von 12 Monaten geblieben.

In der Folge haben dann die Arbeitgeberverbände die Verhandlungen ohne Vereinbarung eines neuen Termins unterbrochen.

Dieses Vorgehen ist für uns völlig unverständlich. Nach allen tarifpolitischen Erfahrungen hätte eine weitere Sondierungsrunde gereicht, um für den einzigen strittigen Punkt von 45 € bei der verbleibenden Restlaufzeit von 8 Monaten einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss zu finden. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits erklärt, dass wir die Verhandlungen auch zu diesem späten Zeitpunkt – unsere Verhandlungskommission war vollständig vor Ort! -, am Samstag oder Montag fortsetzen würden.

Die Tarifkommission von ver.di hat kein Verständnis für diese unnötige Konfliktverschärfung. In Verantwortung für unsere Mitglieder und die Unternehmen der Branche unterstreichen wir ausdrücklich: Wir sind verhandlungsbereit. Auf der Basis der erzielten Eckpunkte können wir jederzeit einem Tarifabschluss zustimmen.

Für die ver.di Tarifkommission
Uwe Speckenwirth Landesfachbereichsleiter
Hermann Völlings Tarifsekretär

Eckpunkte der Verhandlungen:

  1. Laufzeit vom 01.09.2021 bis 31.08.2024 (36 Monate) 
  2. Entgelt: 4 Nullmonate, Entgelterhöhung um 110 € ab 01.01.2022, 45 € im zweiten Jahr und strittig 45 € oder 0 € im dritten Jahr
  3. Stufen gewerbliche Mitarbeiter: Im ersten Jahr Umklappen der Löhne einschließlich Betriebszugehörigkeitszulage ohne Steigerung in eine Tabelle; im zweiten Jahr Einführung einer 5. Stufe (1. Stufe: 0. – 1. Jahr, 2. Stufe: 2. – 3. Jahr, 3. Stufe: 4. – 7. Jahr, 4. Stufe: 8. – 10. Jahr, 5. Stufe ab 11. Jahr). Erhöhung der Stufen 2 und 3 um jeweils 30 €, Stufe 4 um 40 € und Stufe 5 um 70 €. Im dritten Jahr Erhöhung der Stufen 2 bis 5 um jeweils 60 €.

Translation

Trans­la­ti­on in other lan­­­gua­­­ge­s: 1. Co­­­py the tex­t; 2. Click on the red ar­row; 3. Choo­­­se your lan­­­gua­­­ge; 4. Pas­te the tex­t. ­The trans­la­ti­on is crea­ted au­to­­­ma­ti­­­cal­­­ly. ver­­­.­­­di is not re­s­­pon­­­si­­­ble for the cor­rec­t­­­ness

Tarifverträge

Stell Dir vor, Du erbst nichts, Du nennst keine Häuser Dein Eigen, hortest kein Vermögen und bist nicht Firmenchef. Also musst Du vom Lohn deiner Arbeit leben. Stell Dir vor, Du müsstest diesen Lohn selbst mit Deinem Chef aushandeln. Du rechnest ihm vor, was Deine Arbeit wert ist, wie er Deine besondere Qualifikation vergüten und die Belastungen der Schichtarbeit ausgleichen sollte.

Klar, das grenzt an Bettelei. Damit es dazu nicht kommt, gibt es Tarifverträge. Die werden zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelt und geschlossen. Ein schriftlicher Vertrag, rechtlich abgesichert und einklagbar. 

Jedes Jahr etwas mehr Geld bekommen, das ist keineswegs die Regel. Ob es der Gewerkschaft gelingt, eine Tariferhöhung oder bessere Arbeitsbedingungen mit dem Arbeitgeberverband auszuhandeln, hat nicht allein mit Verhandlungsgeschick zu tun, sondern damit, ob genügend Druck gemacht wird.

Der Streik ist das wichtigste Mittel im Arbeitskampf, um den Druck auf die Arbeitgeber so zu erhöhen, dass sie am Verhandlungstisch einlenken. Der Druck ist umso mächtiger, je mehr Beschäftigte die Arbeit niederlegen. Ohne Streik verkäme eine Tarifverhandlung zur kollektiven Bettelei, hat das Bundesarbeitsgericht festgestellt. Wie stark eine Gewerkschaft ist, hängt von der Zahl ihrer Mitglieder ab. Die Grundformel ist einfach: Je mehr Mitglieder sich engagieren, desto größer ist die Durchsetzungskraft und desto besser ist der Tarifvertrag.